Jesolo setzt auf künstliche Intelligenz: KI soll künftig Rettungsschwimmer am Strand unterstützen
Jesolo will bei der Sicherheit am Strand neue Wege gehen. Als erste italienische Badedestination startet die Stadt ein Projekt, bei dem künstliche Intelligenz die Rettungsschwimmer bei der Überwachung des Meeres unterstützen soll. Kameras auf den Rettungstürmen sollen Bilder nahezu in Echtzeit analysieren und die Einsatzkräfte auf mögliche Gefahrensituationen aufmerksam machen. Die menschlichen Rettungsschwimmer bleiben dabei ausdrücklich die entscheidende Instanz.
Die Stadt Jesolo hat am 9. September 2026 ein neues Sicherheitsprojekt vorgestellt, das in Italien bislang einzigartig sein soll.
Gemeinsam mit Jesolo Turismo Spa und dem Technologieunternehmen Var Group soll ein System namens „AI Beach Safety“ entwickelt und getestet werden.
Ziel ist es, künstliche Intelligenz dort einzusetzen, wo Rettungsschwimmer besonders gefordert sind: bei der permanenten Beobachtung großer Wasserflächen, bei starkem Besucherandrang und bei schwierigen Bedingungen auf dem Meer.
Kameras auf den Rettungstürmen
Das technische Konzept sieht vor, Kameras an den Rettungstürmen zu installieren.
Die dort aufgenommenen Videobilder sollen von einer speziell entwickelten Software ausgewertet werden. Zum Einsatz kommen sogenannte Computer-Vision-Modelle.
Das bedeutet vereinfacht: Die künstliche Intelligenz analysiert laufend die Bewegungen und Situationen im überwachten Bereich und versucht Muster zu erkennen, die auf eine mögliche Gefahr hindeuten könnten.
Wird eine auffällige Situation erkannt, soll das System die Aufmerksamkeit der Rettungsschwimmer gezielt auf diesen Bereich lenken.
Die KI entscheidet dabei nicht selbst über einen Rettungseinsatz.
Sie soll vielmehr wie ein zusätzlicher digitaler Beobachter funktionieren.
Rettungsschwimmer werden nicht ersetzt
Dieser Punkt wird von allen Beteiligten ausdrücklich hervorgehoben.
Das Projekt verfolgt nicht das Ziel, Rettungsschwimmer durch Kameras und künstliche Intelligenz zu ersetzen.
Vielmehr soll die Technik ihre Arbeit ergänzen.
Gerade an stark besuchten Sommertagen ist die Aufgabe anspruchsvoll. Ein Rettungsschwimmer muss große Wasserflächen beobachten und dabei gleichzeitig auf sehr unterschiedliche Situationen achten.
Kinder spielen im Wasser, Schwimmer entfernen sich vom Ufer, Luftmatratzen treiben ab, einzelne Personen geraten möglicherweise unbemerkt in Schwierigkeiten.
Eine KI könnte dabei helfen, auffällige Bewegungen schneller hervorzuheben.
Die Entscheidung, ob tatsächlich eingegriffen werden muss, bleibt jedoch beim Menschen.
Jesolo spricht von italienischer Premiere
Nach Angaben der Stadt wird Jesolo damit die erste italienische touristische Badedestination, die einen strukturierten Einsatz künstlicher Intelligenz zur Unterstützung der Rettungsschwimmer erprobt.
Das Projekt wurde während des Sommers 2026 zwischen der Stadt, Jesolo Turismo und Var Group vereinbart.
In den kommenden Wochen soll nun die eigentliche Testphase beginnen.
Dabei geht es zunächst nicht um einen sofortigen flächendeckenden Einsatz.
Zuerst müssen Daten gesammelt und die Systeme auf die Bedingungen vor Ort trainiert werden.
KI muss den Strand von Jesolo erst „kennenlernen“
Ein entscheidender Teil des Projekts wird die Trainingsphase sein.
Die Software muss lernen, welche Situationen am Strand von Jesolo normal sind und welche möglicherweise auf eine Gefahr hinweisen.
Denn ein gut besuchter Badebereich ist visuell ausgesprochen komplex.
Dutzende oder sogar Hunderte Menschen bewegen sich gleichzeitig. Wellen verändern laufend das Bild. Boote, Luftmatratzen, SUPs und andere Gegenstände kommen hinzu.
Hinzu kommen wechselnde Lichtverhältnisse, Wind, Reflexionen auf der Wasseroberfläche und unterschiedliche Sichtbedingungen.
Die KI muss deshalb Schritt für Schritt lernen, relevante Situationen von gewöhnlichem Badebetrieb zu unterscheiden.
Genau dafür sollen in der ersten Phase umfangreiche Daten gesammelt werden.
Alarm bei möglichen Gefahrensituationen
Das Ziel von „AI Beach Safety“ ist nicht, automatisch einen Notfall festzustellen.
Das wäre in der Praxis kaum zuverlässig möglich.
Stattdessen soll das System Auffälligkeiten erkennen und diese an die Rettungsschwimmer weitergeben.
Denkbar wären beispielsweise ungewöhnliche Bewegungsmuster im Wasser oder Personen, die über längere Zeit nicht mehr normal schwimmen.
Auch Bereiche mit besonders hoher Aktivität könnten automatisch stärker beobachtet werden.
Welche konkreten Situationen das System künftig erkennen kann, wird sich jedoch erst während der Entwicklung und Testphase zeigen.
Die Stadt Jesolo hat bislang keine abschließende Liste von automatisierten Erkennungsfunktionen veröffentlicht.
Warum Jesolo das Projekt startet
Hintergrund des Projekts ist die hohe Bedeutung der Badesicherheit.
Nach Angaben der Stadt kommt es entlang der rund 8.000 Kilometer langen italienischen Küste jährlich zu mehr als 600 tödlichen Ertrinkungsfällen und zu Tausenden Rettungseinsätzen.
Diese Größenordnung nennt die Stadt als einen der Gründe für die Entwicklung neuer technischer Hilfsmittel.
Besonders anspruchsvoll ist die Situation in großen Tourismusorten.
Jesolo verzeichnet nach Angaben der Stadt jährlich rund sechs Millionen touristische Übernachtungen und verfügt über rund 15 Kilometer Strand.
An stark frequentierten Tagen müssen Rettungsschwimmer damit sehr große Bereiche überwachen.
Sicherheit wurde zuletzt zum großen Thema
Gerade die Saison 2026 hat erneut gezeigt, wie wichtig schnelle Hilfe am Strand ist.
In Jesolo und an den benachbarten Küstenorten kam es während des Sommers zu zahlreichen medizinischen Notfällen im Wasser.
Dabei handelte es sich keineswegs immer um klassische Badeunfälle.
Häufig erlitten ältere Urlauber einen plötzlichen medizinischen Notfall im oder unmittelbar am Wasser.
In solchen Situationen können wenige Minuten entscheidend sein.
Ein technisches System, das eine auffällige Situation möglicherweise früher erkennt, könnte den Rettungskräften zusätzliche wertvolle Zeit verschaffen.
Allerdings muss sich erst in der Praxis zeigen, wie zuverlässig die Technik funktioniert.
Computer Vision statt klassischer Videoüberwachung
Technisch basiert das Projekt auf sogenannter Computer Vision.
Dabei handelt es sich um einen Bereich der künstlichen Intelligenz, bei dem Computer Bild- und Videodaten analysieren.
Die Software versucht dabei, Objekte, Personen, Bewegungen oder bestimmte Muster zu erkennen.
Ähnliche Technologien werden bereits in der Industrie, im Verkehr und in Sicherheitsanwendungen eingesetzt.
In Jesolo soll die Technik nun speziell an die Bedingungen eines Badestrandes angepasst werden.
Die Videodaten der Kameras sollen nahezu in Echtzeit verarbeitet werden.
Dadurch könnten mögliche Auffälligkeiten sehr schnell an die Rettungsschwimmer weitergegeben werden.
Datenschutz wird ein wichtiger Punkt
Mit dem Einsatz von Kameras an einem stark frequentierten Strand ergeben sich zwangsläufig auch Fragen zum Datenschutz.
In der Pressemitteilung der Stadt wird dieser Aspekt bislang nicht im Detail erläutert.
Entscheidend wird sein, wie die Videodaten verarbeitet werden, ob Bilder gespeichert werden und welche Maßnahmen zur Anonymisierung beziehungsweise zum Schutz der Badegäste vorgesehen sind.
Gerade weil sich an einem Strand auch Kinder und Familien aufhalten, muss das System die strengen europäischen Datenschutzbestimmungen berücksichtigen.
Vor einem dauerhaften Einsatz dürfte deshalb nicht nur die technische Zuverlässigkeit entscheidend sein.
Auch die konkrete datenschutzrechtliche Umsetzung muss klar geregelt werden.
Falsche Alarme müssen vermieden werden
Eine weitere Herausforderung liegt in der Genauigkeit des Systems.
Eine KI kann nur dann tatsächlich helfen, wenn sie Rettungsschwimmer nicht permanent mit Fehlalarmen beschäftigt.
Würde beispielsweise jeder ungewöhnliche Schwimmstil oder jede spielende Kindergruppe einen Alarm auslösen, wäre das System schnell eher Belastung als Unterstützung.
Genau deshalb ist die angekündigte Trainingsphase so wichtig.
Die künstliche Intelligenz muss lernen, welche Situationen tatsächlich auffällig sind.
Wie gut das unter realen Bedingungen funktioniert, wird sich vermutlich erst nach längeren Testreihen zeigen.
Bürgermeister: Technik soll Menschen unterstützen
Jesolos Bürgermeister Christofer De Zotti bezeichnet die Sicherheit der Badegäste als eine der Prioritäten der Stadt.
Neue Technologien sollten deshalb erprobt werden, wenn sie die Arbeit der Rettungskräfte verbessern könnten.
Gleichzeitig betont er, dass die Verantwortung weiterhin bei den Menschen liege.
Die künstliche Intelligenz bekomme nicht die Aufgabe der Rettungsschwimmer übertragen. Sie solle vielmehr ein zusätzliches Werkzeug sein.
Jesolo wolle damit konkrete Lösungen ausprobieren, um Sicherheit und Aufenthaltsqualität weiter zu verbessern.
Jesolo Turismo setzt seit Jahrzehnten auf Rettungsdienste
Auch für Jesolo Turismo spielt das Thema Sicherheit traditionell eine wichtige Rolle.
Das Unternehmen wurde bereits 1983 gegründet und war nach eigenen Angaben damals das erste kommunal beteiligte Unternehmen Italiens, das speziell für die Organisation des Rettungsdienstes am Strand geschaffen wurde.
Heute befindet sich die Mehrheit der Gesellschaft weiterhin im Besitz der Stadt Jesolo.
Weitere Gesellschafter sind die Associazione Jesolana Albergatori und Confcommercio.
Jesolo Turismo betreibt inzwischen neben dem Rettungsdienst unter anderem Campinganlagen, Strandbereiche, eine Marina und den Palazzo del Turismo.
Präsidentin Eleonora Baldo sieht im neuen KI-Projekt eine Fortsetzung dieser Entwicklung.
Technologie solle die Professionalität der Mitarbeiter ergänzen und den Sicherheitsstandard weiter erhöhen.
Var Group entwickelt das System
Technischer Partner ist Var Group.
Das Unternehmen bezeichnet sich als Digital Integrator und ist nach eigenen Angaben in 16 Ländern tätig.
Im Geschäftsjahr bis Ende April 2026 erzielte die Gruppe einen Umsatz von rund 908,8 Millionen Euro und beschäftigt mehr als 4.460 Mitarbeiter.
Für Jesolo entwickelt Var Group die technische Plattform hinter „AI Beach Safety“.
Leonardo Franzin, Territory Business Manager des Unternehmens, betont dabei ebenfalls den unterstützenden Charakter der künstlichen Intelligenz.
Ihr größter Nutzen liege darin, menschliche Fähigkeiten zu verstärken und nicht darin, Menschen zu ersetzen.
Testphase startet in den kommenden Wochen
Nach der Unterzeichnung der Vereinbarung beginnt nun die praktische Umsetzung.
In den kommenden Wochen sollen Geräte installiert und erste Daten gesammelt werden.
Anschließend muss das System trainiert und an die speziellen Bedingungen des Strandes von Jesolo angepasst werden.
Wann die KI tatsächlich regulär im Rettungsdienst eingesetzt werden kann, wurde noch nicht bekannt gegeben.
Ebenso offen ist bislang, an wie vielen Rettungstürmen Kameras installiert werden sollen und wie groß die überwachten Bereiche zunächst sein werden.
Es handelt sich daher zunächst ausdrücklich um ein Entwicklungs- und Testprojekt.
Eine spannende Idee – aber die Praxis wird entscheiden
Der Ansatz ist durchaus interessant.
An einem überfüllten Strand kann selbst der aufmerksamste Rettungsschwimmer nicht zu jedem Zeitpunkt jede einzelne Person gleichzeitig beobachten.
Eine gut funktionierende künstliche Intelligenz könnte hier tatsächlich eine zusätzliche Sicherheitsebene schaffen.
Sie könnte einen Bereich markieren, in dem sich möglicherweise etwas Ungewöhnliches abspielt, während der Rettungsschwimmer die Situation anschließend selbst beurteilt.
Ob daraus tatsächlich ein entscheidender Sicherheitsgewinn entsteht, hängt jedoch von mehreren Faktoren ab.
Die Erkennung muss zuverlässig funktionieren, Fehlalarme müssen gering bleiben und der Datenschutz muss gewährleistet sein.
Auch die Technik selbst darf nicht dazu führen, dass die klassische Beobachtung des Meeres vernachlässigt wird.
Jesolo könnte Vorbild für andere Badeorte werden
Sollten die Tests erfolgreich verlaufen, dürfte das Projekt weit über Jesolo hinaus Aufmerksamkeit erhalten.
Viele italienische Badeorte stehen vor ähnlichen Herausforderungen.
Große Strandabschnitte, steigende Besucherzahlen und eine zunehmende Zahl älterer Urlauber stellen den Rettungsdienst vor komplexe Aufgaben.
Ein funktionierendes Assistenzsystem könnte deshalb auch für andere Gemeinden interessant werden.
Jesolo dient zunächst als Testfeld.
Die kommenden Monate und insbesondere die nächste Badesaison werden zeigen, ob sich künstliche Intelligenz tatsächlich als zusätzlicher Helfer am Strand bewährt.
Mensch und künstliche Intelligenz gemeinsam für mehr Sicherheit
Das Projekt zeigt zugleich einen durchaus sinnvollen Ansatz beim Einsatz künstlicher Intelligenz.
Nicht die Maschine soll den Rettungsschwimmer ersetzen.
Stattdessen soll die Technik dort helfen, wo menschliche Aufmerksamkeit naturgemäß Grenzen hat.
Ein erfahrener Rettungsschwimmer kann eine Situation beurteilen, Zusammenhänge erkennen und im Notfall handeln.
Eine KI kann dagegen große Mengen von Videodaten gleichzeitig analysieren und möglicherweise eine Auffälligkeit erkennen, die sonst erst einige Sekunden oder Minuten später bemerkt würde.
Gelingt es, diese beiden Fähigkeiten sinnvoll zu kombinieren, könnte Jesolo tatsächlich einen neuen Standard für die Sicherheit an italienischen Stränden setzen.
Bis dahin steht allerdings zunächst die entscheidende Testphase bevor.
Stand: 9. September 2026. Grundlage ist die offizielle Mitteilung der Stadt Jesolo.
Mein Name ist Christoph Thür. Ich bin gebürtiger Salzburger und kenne seit knapp 40 Jahren die Region Oberitalien bestens. Seit knapp 15 Jahren betreibe ich mehrere Online-Portale im Adria-Raum und bin Herausgeber vom Jesolo Magazin. Von unserer Mediengruppe Adria Magazin GmbH bin ich Gesellschafter und Geschäftsführer.
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